'The Sound' Deep Dive
Werner Herpell und ich nehmen das neue Album auseinander – for the vaults
Als Erstes möchte ich den Link zum Artikel auf Sounds and Books teilen – und eine klare Empfehlung für diese wunderbare Plattform aussprechen. In einer Zeit, in der es den meisten doch an Orientierung fehlt – was, wo, warum veröffentlicht wird an Buchbesprechungen, Albumrezensionen, Konzertreviews, Interviews – ist das hier ein wirklich toller Anlaufpunkt.
Von daher freue ich mich natürlich besonders, so einen schönen Artikel hier veröffentlicht zu bekommen. Danke an Werner für die tollen Fragen.
Und dann habe ich den ganzen Artikel inklusive Track by Track nochmal als Text beigefügt – zum Nachlesen und „for the vaults”.
Der Hamburger Singer-Songwriter Dirk Darmstaedter, seit 40 Jahren unterwegs mit The Jeremy Days, Me And Cassity und solo, über sein wunderbares neues Album „The Sound My Mind Makes“
Interview von Werner Herpell
Es kommt nicht allzu oft vor, dass ein Musiker rund 40 Jahre nach Karriere-Beginn sein bestes Album veröffentlicht. Bei Dirk Darmstaedter, dem seit wenigen Tagen 61 Jahre alten Band-Frontmann (The Jeremy Days) und Singer-Songwriter aus Hamburg, könnte es so sein. Und selbst wenn sich das Top-Ranking vielleicht erst mit etwas Abstand, also in ein paar Jahren, endgültig bestätigen lässt: Die am 06.03.2026 auf Vinyl und CD erscheinende Platte „The Sound My Mind Makes“ ist, das darf man wohl jetzt schon sagen, ein herausragendes „Alterswerk“ dieses in Würde und mit Stil gereiften Künstlers. Wir haben mit Dirk Darmstaedter, dem nimmermüden Musiker, Produzenten, Label-Mitgründer (Tapete!) und Pop-Auskenner (Moderator der Sendung „Sounds like Dirk“ bei Radio Bremen!) über seine aktuellen Songs, seine langjährige Laufbahn und seine Songschreiber-Philosophie gesprochen.
„Erstmal das machen, was ich höre, fühle, denke“
Hallo Dirk, schön, mal wieder mit dir über ein neues Soloalbum zu sprechen. Zuletzt hatte ich vor vier Jahren das Vergnügen eines Interviews, als du mit deiner alten Band The Jeremy Days ein Bilderbuch-Comeback hingelegt hast. Jetzt also eine neue Platte unter eigenem Namen – und was für eine. Lass uns beim Albumtitel anfangen: „The Sound My Mind Makes“, vom Online-Translator grob übersetzt mit „Die Geräusche, die mein Verstand macht“. Vielleicht meinst du die Klänge in deinem Kopf, die Musik, die da oben immerzu spielt? Oder, freier übersetzt, die Vorbilder, die dein Songwriting prägen? Wie kam es zu dem Titel, und was bedeutet er tatsächlich?
Dirk Darmstaedter: Der Titel stammt ursprünglich vom gleichnamigen Song. Warum er mir beim Schreiben in den Kopf kam, kann ich heute gar nicht mehr genau sagen. Aber ich finde, er fasst die Entstehung und die wichtigsten Aspekte des Albums gut zusammen: Erstmal das machen, was ich höre, fühle, denke – und weniger das, was andere vielleicht erwarten oder hören wollen.
Der Titelsong und Opener legt mit Namedropping und vom Sound her nahe, dass du dich tief in der Rock- und Pop-Geschichte verwurzelt siehst. „Sister Ray“, „Sweet Jane“ und „Candy Darling“, das dürfte ein textlicher Bezug auf The Velvet Underground und Lou Reed sein, „Gloria“ könnte sich auf Van Morrison und Patti Smith beziehen, und musikalisch erinnert mich besonders das Ende des Liedes mit der wunderschönen Harmonica an Prefab Sprout und Paddy McAloon. Passen diese Koordinaten?
Dirk Darmstaedter: Gut erfasst — wobei die Verwurzelung bei mir eher bis in die DNA-Tiefe geht. Beim Schreiben poppte mir als erstes „Sister Ray“ in den Kopf, der Velvet-Underground-Klassiker von 1968. Es fühlte sich dann richtig an, noch weitere Protagonisten aus Songs meiner Lieblingsbands einzubauen – sie leben sowieso in meinem Kopf. Gute, alte Freunde, die mich schon ewig begleiten und ganz sanft mitbestimmen, welche Sounds da so herumspuken.
Mit „Sophisticated Pop“ kann DD gut leben
Der Stilbegriff „Sophisticated Pop“ ist ja recht unscharf, weil „sophisticated“ (gleich „anspruchsvoll“ oder „raffiniert“) bei Musik letztlich sehr subjektiv ist. Dennoch kam mir diese Zuordnung sofort in den Sinn, als ich dein neues Album zum ersten Mal gehört habe. Da steckt so viel Ambition und Raffinesse drin, so viel Liebe zum Detail, auch so viel gekonnte, respektvolle Hommage an popmusikalische Genies der 60er bis 80er Jahre bei gleichzeitig hoher Eigenständigkeit. Kannst Du also mit dem Etikett „Sophisticated Pop“ für die Platte leben?
Dirk Darmstaedter: Klar, „Sophisticated Pop“ – warum nicht? Wobei es mir gar nicht darum ging, besonders raffiniert zu sein. Popmusik bedeutet mir nun mal viel, da will ich alles reinpacken, was ich in dem Moment aufbringen kann. Letztendlich geht es mir immer darum, Platten zu machen, die ich mir als Hörer selbst wünschen würde. Und Popmusik darf eben auch mal ambitioniert, sperrig – hier darf jeder sein eigenes Adjektiv einsetzen – sein. Man will ja im besten Fall eine Weile damit leben, der Song soll begleiten, vielleicht sogar helfen im Leben des Zuhörers. Mit dieser Verantwortung sollte man nicht allzu leichtfertig umgehen.
Ein weiteres Lied, das für mich hervorsticht, ist „I Was In Love With New York City“. Es erinnert mich in seiner euphorischen Verbeugung vor dem „Big Apple“-Mythos an „Hey Manhattan!“ von Prefab Sprout. Auch hier gibt’s ein paar schön nostalgische musikhistorische Referenzen in den Lyrics, etwa „I heard The Belmonts sing“ beziehungsweise später „The Crystals“ und „The Shangri-Las“, allesamt Hit-Bands der 50er/60er, oder „Tom Verlaine, Debbie Harry, at CBGB’s“, also die Anfänge von Punk in NYC, oder „I heard John Lennon, whispering thru all this darkness, thru the sadness“ – selbsterklärend. Wie autobiografisch sind solche Textzeilen, wie sehr singt sich Dirk Darmstaedter da seine (vielleicht noch jugendlich naive?) New-York-Verehrung von der Seele? Was bedeutet dir diese Stadt?
Dirk Darmstaedter: 1982/83 ging ich in Teaneck, New Jersey, auf die High School. Ich hatte ein paar Freunde, die gerne mehr Zeit mit mir verbracht hätten – beim Baseball spielen, beim BMX-Rad fahren, beim Pancakes essen in Louis‘ Charcoal Pit auf der Cedar Lane nach der Schule. Leider war die große Stadt zu nah. Mit dem Bus die Route 7 runter, über die George Washington Bridge, und nach knapp 30 Minuten war man schon in Downtown Manhattan. Ich konnte nie ganz verstehen, warum die Kids in Teaneck nicht auch sofort nach der Schule da rüberwollten. Ich war jedenfalls direkt nach dem Läuten der Schulglocke auf dem Weg zur Bushaltestelle.
Stundenlang durch Manhattan wandern – runter durch Greenwich Village und SoHo, der Strand Bookstore auf dem Broadway („8 Miles of Books“), die Pizza Slices in Little Italy. Abends in die Danceteria, den coolsten Club in ganz New York, wo sie die coolsten New-Wave-Tracks spielten. Oder ins CBGB’s, um Bands zu sehen. So viele Möglichkeiten, so viele Gründe, nicht mit meinen Freunden in Teaneck abzuhängen. Dieser Song ist also nicht nur ein Liebesbekenntnis an die Stadt, sondern auch eine späte Entschuldigung an alle, die ich damals hinter mir gelassen habe. Ich konnte nicht anders: I Was In Love With New York City.
Für das Menschliche in der Musik
Im PR-Text zu „The Sound My Mind Makes“ ist mir ein Passus aufgefallen, der viel über deine Herangehensweise, deine Songwriter-Philosophie zumindest als Solo-Musiker aussagt: „Das Album ist im Kern eine Entscheidung für das Menschliche, das Unvollkommene in der Musik – nicht aus Nostalgie, sondern als Gegenentwurf. Die Songs dürfen laut sein, verzerrt, sperrig oder ganz nah. Unaufgelöst. Unbequem. Einer heißt „Perfect At Being Imperfect“, was im Grunde alles sagt. Diese Musik lehnt sich an, statt sich festzuzurren. Sie widersetzt sich Glätte und stellt Eigenwilligkeit bewusst über formale Perfektion.“ Kannst du das noch etwas näher erläutern?
Dirk Darmstaedter: OK, ich versuche das mal… Derzeit flippen ja alle ein bisschen aus, was die Zukunft und KI angeht. Viele meiner Musikkollegen fragen sich wirklich, was das alles noch soll – das jahrzehntelange Instrumente-Üben, Studiotechnik lernen, sich ein Studio zusammenstellen und finanzieren. Was ist das noch wert in Zeiten, wo jeder, wirklich jeder, mit dem Drücken eines Knopfes und einem simplen Prompt – „Popsong, Superhit“ – einen Song, eine komplette Produktion generieren lassen kann? Eine, die für 99% der Leute bestimmt mehr nach einem Hit klingt als alles, was ich in den letzten 15 Jahren veröffentlicht habe.
Wie gehe ich damit um? Angst und Sorgen sind ja bekanntermaßen keine guten Ratgeber. Von daher sehe ich das als Challenge. Für mich persönlich bedeutet das, dass ich mich noch mehr auf das konzentriere, was die Maschine, was die KI nicht kann. Das Menschliche. Die Imperfektion. Perfektion kann jetzt wirklich jeder. Also – noch mehr Mut zur Imperfektion. Das heißt nicht, dass ich mir keine Mühe mehr geben muss, einen Song zu schreiben und einzuspielen – ganz im Gegenteil. Aber so klingen wie Coldplay oder eine fette L.A.-Produktion? Das ist jetzt wirklich komplett hinfällig geworden. Damit kann man keinen mehr beeindrucken.
Jetzt geht es immer mehr um meine Vision, meinen Sound. Was habe ich zu sagen? The Sound My Mind Makes, sozusagen. Das ist der einzige Weg für mich. Auch ganz befreiend irgendwie. Und der Song „Perfect At Being Imperfect“ fasst das nochmal gut zusammen – ein Mission Statement.
Wir kommen später ja noch zu einer Track-by-Track-Analyse von „The Sound My Mind Makes“. Ganz allgemein: Gibt es thematisch einen roten Faden, eine Grundstimmung, die das Album prägt? Für mich klingt es wie eine große Liebeserklärung an die Popmusik, die dir über rund 40 Jahre viel abgefordert, aber auch viel gegeben hat – als Songwriter und Sänger, Solo-Musiker und Band-Frontmann, Label-Mitgründer von Tapete und Beg Steal & Borrow, schon länger auch als Musiksendungs-Moderator bei Radio Bremen.
Dirk Darmstaedter: Ja, könnte man so sagen. Es ist wirklich schwer, anderen zu erklären, was die Musik mir bedeutet, mir immer wieder gegeben hat – und warum es einfach unmöglich für mich ist, damit aufzuhören. Von daher ist diese Platte natürlich auch eine Liebeserklärung an den Prozess des Songschreibens, an den Kampf mit den Instrumenten und der Technik, um das Ganze dann so festhalten zu können, wie ich es in meinem Kopf höre. Es gibt schon einen Grund, warum ich mir das Produzieren, Aufnehmen, Mixen – alles – draufgeschafft habe. Eigentlich bin ich ja Sänger und Songschreiber…
Diesmal sollte es so richtig solo sein
Im Booklet zu „The Sound My Mind Makes“ heißt es: „Written, performed, recorded and mixed by Dirk Darmstaedter“. Ist das also wirklich ein lupenreines Soloalbum ohne jeden musikalischen Input anderer Leute? Man mag es angesichts dieses enorm opulenten, vielschichtigen Songs kaum glauben…
Dirk Darmstaedter: Yep. Diesmal ist es wirklich so. The Sound MY Mind Makes, sozusagen. Es wird auch wieder andere Zeiten geben, andere Alben, bei denen ich mit Freunden zusammenarbeite – aber diesmal wollte es eben genau so sein.
Auf deiner Bandcamp-Seite, die noch unter dem Namen des früheren Projekts Me And Cassity https://meandcassity.bandcamp.com/ läuft, sind enorm viele Alben gelistet, unter anderem auch inzwischen schon sechs „Covers“-Platten mit deinen sehr eigenen Versionen von Lieblingsliedern. Man verliert fast den Überblick zwischen den frühen Jahren mit The Jeremy Days in den 80ern bis heute, du warst und bist ungeheuer produktiv. Wie lässt sich „The Sound My Mind Makes“ nun in diesem breiten, liebevoll zusammengestellten Katalog einordnen?
Dirk Darmstaedter: Uiii… das ist eine schwere Frage, die ich kaum beantworten kann. Die Einordnung müssen wohl andere machen. Ich denke, es ist ein ziemlich persönliches Album geworden, das ganz gut die Zeit abbildet, in der es entstanden ist. Aber, ich muss sagen: Es ist wahrscheinlich die stärkste Ansammlung von Songs, die ich seit Jahren aufgenommen habe. Zumindest fühlt es sich für mich so an.
Personal Spoiler: Für mich ist es eines deiner besten Alben, wenn nicht das beste. Auch du selbst scheinst ja zufrieden zu sein: „Vertrauen in Songs, Handschrift und Eigenwilligkeit. ‚The Sound My Mind Makes‘ ist die jüngste – und vielleicht klarste – Ausprägung dieser Haltung“, heißt es in deiner Album-PR.
Dirk Darmstaedter: Super, das freut mich. Danke.
„Fokussierung auf das absolut Notwendige“
Insgesamt gab es für das Album 27 Song-Skizzen, zehn Lieder bilden nun die Platte auf CD und Vinyl. Du konntest es dir sogar leisten, zwei wirklich tolle Lieder wie „Trouble“ und „The Easy Up Then Down“ (in meinen Ohren eine weitere Prefab-Sprout-Hommage) als Bandcamp-Bonus quasi zu verstecken. Die Songwriter-Muse scheint dich zum 60. Lebensjahr intensiv geküsst zu haben.
Dirk Darmstaedter: Die Zeit, die Zeit… Eines der guten Dinge am Älterwerden ist, dass es für mich immer leichter wird, Dinge aus meinem Leben zu streichen, die mir entweder nicht gut tun oder meine Zeit verschwenden. Die Fokussierung auf das absolut Notwendige wird immer dringlicher. Und dazu gehört nun mal Songs schreiben und Alben aufnehmen. Außer meiner Familie und meiner Gesundheit sind das die Sachen, die am meisten zählen. Ein Zitat aus einem meiner Lieblingsbücher: „You only have so many fucks to give, so you must spend them wisely.“ — Mark Manson, The Subtle Art of Not Giving a Fuck (2016).
Was auffällt, wenn man deine Karriere zumeist sehr aufmerksam verfolgt hat (so wie ich): Du hattest einen frühen/großen Hit mit „Brand New Toy“ (The Jeremy Days), hast es danach aber, trotz all deiner Songwriter-Qualitäten und deiner großen pophistorischen Expertise, nie auf Massenerfolg angelegt. „Dirk Darmstaedter war eigentlich nie für die naheliegende Version von Erfolg gedacht. Er hatte ihn – ja. Aber interessiert hat ihn immer eher das, was knapp daneben passiert“ – nochmals zitiert aus deiner aktuellen Album-PR. Also alles Absicht, das mit dem konsequenten Indie-Ansatz? Oder waren deine Qualitätsstandards vielleicht doch zu hoch, zu „sophisticated“? Also wie fällt deine Bilanz jetzt nach 40 Jahren im Business aus?
Dirk Darmstaedter: Ich habe es nie darauf angelegt, Erfolg zu haben – aber auch nie darauf, keinen Erfolg zu haben. Ich habe mein ganzes Leben versucht, top Songs zu schreiben, die sofort im Radio laufen könnten, zu denen die Menschen mitsingen, tanzen, sich küssen können. Songs, die ihnen in ihren schwersten Zeiten helfen könnten. So wie es gute Popsongs bei mir immer getan haben. Ob das dann mit den Leuten, in der Zeit so resoniert? Wer kann das schon sagen? Manchmal hat’s mehr gepasst mit mir und den Leuten, manchmal weniger. Ob man das nun Indie, Sophisticated oder whatever nennt – für mich ist das einfach so. Damit kann ich gut leben.
Ein „poltriger, knarziger Track“ als Opener
Nun lass uns zum Track-by-Track kommen – zu jedem Lied, das du analysieren kannst und möchtest, ein paar persönliche Eindrücke.
Dirk Darmstaedter: Here you go.
The Sound My Mind Makes
„Like a door left wide open in the dark, with the world crashing through“ – so fühlt es sich zuweilen an in meinem Kopf. Obwohl ich mir alle paar Monate einen News-Detox aufzwinge, gelingt es mir nur selten, die Welt mit all ihren Kriegen, Katastrophen und Sorgen kurzfristig rauszuhalten, um mal wieder etwas Luft zu bekommen. Andrew Partridge von den großartigen englischen XTC hat es mal treffend ausgedrückt: Senses Working Overtime. Als es darum ging, den Sound für diesen Zustand zu finden, war mir klar, dass es ein poltriger, knarziger Track sein müsste – denn trocken und aufgeräumt klingt das eben nicht in meinem Kopf. Deswegen die halligen Drums, die eher an John Bonham (Led Zeppelin) erinnern als an Mick Fleetwood (Fleetwood Mac).
Perfect At Being Imperfect
Eine Art Mission Statement für das ganze Album. Perfektion ist eine „devalued currency“, wenn durch KI jeder jederzeit top klingende Tracks generieren, fehlerfreie E-Mails schreiben, Drake-Style-Videos drehen kann. Das Einzige, was noch zählt, ist Aussage, Intention und Haltung.
Darmstaedters Tom-Petty-Moment mit „Dark Times“
Dark Times
Na ja, schauen wir uns mal um. „My dad always said I was the fearless one. But these days it’s like fighting back with water guns.“ So fühlt es sich manchmal an – diese gefühlte Ohnmacht vor den Ereignissen. Ich sehe das bei mir selbst und bei vielen meiner Freund:innen. Ein trotziger Song. Mein „I Won’t Back Down“ (Tom Petty), höchstwahrscheinlich.
In The Rye
Den Song habe ich an einem Nachmittag geschrieben und gleich aufgenommen. Keine Änderungen mehr nötig. Manchmal – aber nur manchmal – passiert das. Es geht nicht um Streit an sich, sondern eher um das Akzeptieren, dass jemand gehen muss, um ein anderes Leben zu finden. Und dass Trennung nicht ausradiert, was mal war.
I Was In Love With New York City
Eine Liebeserklärung an die Stadt, die Zeit – die frühen 80er – und eine etwas verspätete Entschuldigung an alte Freunde, die ich hinter mir lassen musste. Der Sog der großen Stadt (des Lebens!) war einfach zu stark.
Ein „echter Hit“ mit dunklem Twist
Ash & Gold
Manchmal poppen Aussagen von Politikern auf und bleiben einfach hängen – weil sie so unerwartet, so unverschämt, so unmöglich sind, dass man sie nicht mehr vergessen kann. So geschehen mit Donald Trumps Aussage zu Gaza, das er zur Riviera des Nahen Ostens machen wolle. Mit der Strandlage könne, müsse man doch was machen! „Developing beachfront property.“ Unglaublich. Aus dieser Empörung ist dieser Song entstanden. Ein Song über Größenwahn und Vertreibung. Interessanterweise ist dabei wohl der poppigste Song des Albums herausgekommen – fragt mich nicht warum. Ein echter Hit, sozusagen. Mit einem etwas dunklen Twist: Ash & Gold.
What Was Lost In The Fire
Ein guter Freund hat während der L.A. Fires 2025 so ziemlich alles verloren. Ich musste mich fragen, wie sich das anfühlen würde. Was verschwindet? Was bleibt? „Where do we go from here? Nothing stands like it did before.“
Love Is A Kind Of Poison
So ziemlich der einzige Song auf dem Album, wo es um Beziehungen geht, denke ich. Liebe als das, was uns festhält, runterzieht – und trotzdem weitermachen lässt. Romantik mit offenen Augen, sozusagen.
Dirk Darmstaedter gibt sich Zeit – gut so
Give It Time
Mir fällt es oft schwer, mal runterzukommen. Während ich hier in der Küche sitze und einen Cappuccino trinke, haben andere – fleißigere, talentiertere, whatever – Musiker schon längst das nächste Doppelalbum aufgenommen, fünf Videos gedreht und einen Podcast gestartet. Dieser Song ist meine Erinnerung an mich selbst, dass es auch langsamer gehen kann. Dass ich nicht immer so hart mit mir sein muss. John Lennon hat 1966 mit „I’m Only Sleeping“ eigentlich schon alles dazu gesagt. Hier ist meine Version: Give It Time.
What I Could Never Find Was Me
Der Titel verrät eigentlich schon alles. Ich muss drauf achten, mich nicht zu verlieren in dieser Welt der endlosen Kommunikation. „Don’t want to be the loudest voice just to be heard – I think I’d just rather do my work.“ Es ist nicht ganz einfach, bei sich zu bleiben – die Welt verlangt, dass man ständig sein eigenes Horn bläst. Endlose Selbstpromotion, endlose Selbstoptimierung: ein Bildschirm, der nie dunkel wird. Aber die Gefahren sind echt. „‚Cause I have seen the damage, I have felt the cost.“
Ich beende dieses Gespräch mit einer weiteren Selbsteinschätzung von dir: „In einer Zeit, in der Algorithmen immer besser darin werden, Musik zu erzeugen, die nach Musik klingt, interessiert sich Darmstaedter für das Gegenteil: echte Performances, unmittelbare Arbeit am Klang, Entscheidungen aus dem Bauch statt nach Schema. Er will Maschinen nicht in Perfektion schlagen. Er will Platten machen, zu denen sie keinen Zugang haben. (…) ‚The Sound My Mind Makes‘ will nicht beeindrucken. Es will bleiben.“ Beeindruckt bin ich trotzdem, und bleiben wird dieses Album hoffentlich auch. Danke, Dirk!
Das Album „The Sound My Mind Makes“ von Dirk Darmstaedter erscheint am 06.03.2026 auf Vinyl und CD bei Beg Steal & Borrow und via Bandcamp.
Werner Herpell
Jahrgang 1960. Langjähriger Agentur-Journalist für Politik und Panorama/Kultur, zuletzt mit Schwerpunkt Musik inklusive Albumbesprechungen und Themenplanung. Nach dem Magister-Studium der Geschichte, Kunstgeschichte und Germanistik in Münster/Westfalen von 1990 bis 2022 Redakteur der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Musikalische Vorlieben sind breit gestreut - von Singer-Songwriter und Folk über Indie-Pop und Rock bis zu klassischem Soul und (Piano-)Jazz. Ein paar Namen gefällig? Zehn seiner Helden mit “Inselplatten” (in alphabetischer Reihenfolge): The Beatles, Nick Drake, Marvin Gaye, Brad Mehldau, Prefab Sprout, Radiohead, Paul Simon, Bruce Springsteen, Wilco, Neil Young.


