Kopf-Klänge
Das ist mal eine Rezension! Wow.
Dirk Darmstaedters komplexe Kopf-Klänge: Ein Großer der Popmusik aus Deutschland veröffentlicht sein reifes, kluges „Opus magnum“.
von Werner Herpell
Ich hänge mich mal weit aus dem Fenster: Es gibt hierzulande nicht viele bessere Singer-Songwriter als Dirk Darmstaedter (mir fällt, ehrlich gesagt, spontan keiner ein). Punkt. Dieser Hamburger Multiinstrumentalist, Singer-Songwriter, Band- und Solo-Musiker, Produzent, Label-Gründer von Tapete Records und Rundfunk-Moderator bei Radio Bremen hat seit dem hitträchtigen Start mit The Jeremy Days vor fast 40 Jahren mit international anschlussfähigen Sounds Großes für den Pop-Standort Deutschland geleistet. Und sich dabei nie angebiedert, sondern immer seine eigene künstlerische Vision von „Sophisticated Pop“ (oder auch mal einen spannenden Seitenweg) verfolgt.
„Diesmal sollte es eben komplett solo sein“
Da passt es, dass Darmstaedter nun mit seinem neuen Album ein weiteres Ausrufezeichen setzt: „The Sound My Mind Makes“ ist hohe, komplexe Pop-Kunst, das ausgereifte Meisterstück des 61-Jährigen. Faszinierend schon allein, dass Dirk Darmstaedter diese opulente, mit produktionstechnischen Reizen zu keiner Sekunde geizende Solo-Platte wirklich völlig solo eingespielt hat. „Yep. Diesmal ist es wirklich so“, sagt er im Sounds & Books-Interview auf eine entsprechende erstaunte Frage. „The Sound MY Mind Makes, sozusagen. Es wird auch wieder andere Zeiten geben, andere Alben, bei denen ich mit Freunden zusammenarbeite – aber diesmal wollte es eben genau so sein.“
Wenn man beispielsweise „I Was In Love With New York City“ hört, eine wunderbare Hommage an die Musik-Weltstadt am Hudson River, textlich angereichert durch melancholische Erinnerungen an die eigene New-York-Zeit in den 80ern und cleveres Namedropping (The Belmonts, The Crystals, The Shangri-Las, Tom Verlaine, Debbie Harry, John Lennon) inklusive hübscher Prefab-Sprout-Soundanklänge – man mag es kaum glauben, dass da im Studio nur ein einziger Musiker am Werk war: Dirk Darmstaedter und sonst niemand. Dieser Song, sein persönlicher, großäugiger, euphorischer Big-Apple-Kniefall in der Tradition von „New York, New York“ (Frank Sinatra) oder „Hey Manhattan!“ (Paddy McAloon), ist ganz sicher eines der Highlights von „The Sound My Mind Makes“, ja einer der schönsten, bewegendsten Songs seiner Karriere.
Ein poltriger, knarziger Opener und Titelsong
Andere Lieder begeistern nicht weniger. Der Titelsong und Opener, mit Anspielungen auf berühmt-berüchtigte Grummeltypen wie Lou Reed und Van Morrison, lüftet gleich mal kräftig durch: „Obwohl ich mir alle paar Monate einen News-Detox aufzwinge, gelingt es mir nur selten, die Welt mit all ihren Kriegen, Katastrophen und Sorgen kurzfristig rauszuhalten, um mal wieder etwas Luft zu bekommen“, sagt der Musiker. „Als es darum ging, den Sound für diesen Zustand zu finden, war mir klar, dass es ein poltriger, knarziger Track sein müsste – denn trocken und aufgeräumt klingt das eben nicht in meinem Kopf.“ Auch „Dark Times“ spiegelt die derzeitige Weltlage wider, es geht um „diese gefühlte Ohnmacht vor den Ereignissen. Ich sehe das bei mir selbst und bei vielen meiner Freund:innen. Ein trotziger Song. Mein ‚I Won’t Back Down“ (Tom Petty), höchstwahrscheinlich.“
Was auffällt: Die zehn Lieder (plus zwei als Bandcamp-Bonus) sind ungemein gefällig, ohne mit aller Macht gefallen zu wollen. Darmstaedter fasst es so zusammen: „Erstmal das machen, was ich höre, fühle, denke – und weniger das, was andere vielleicht erwarten oder hören wollen.“ Letztendlich sei es ihm immer darum gegangen, „Platten zu machen, die ich mir als Hörer selbst wünschen würde. Und Popmusik darf eben auch mal ambitioniert, sperrig – hier darf jeder sein eigenes Adjektiv einsetzen – sein. Man will ja im besten Fall eine Weile damit leben, der Song soll begleiten, vielleicht sogar helfen im Leben des Zuhörers.“ Ob das am Ende kommerziell erfolgreich ist, wird dann zur Nebensache: „Manchmal hat’s mehr gepasst mit mir und den Leuten, manchmal weniger. Ob man das nun Indie, Sophisticated oder whatever nennt – für mich ist das einfach so. Damit kann ich gut leben.“
„Perfektion kann jetzt wirklich jeder“
Der Song „Perfect At Being Imperfect“ passt (ähm…) perfekt in dieses Selbstbild von Dirk Darmstaedter. Wichtig ist ihm auch und gerade angesichts der Herausforderungen von Künstlicher Intelligenz „das Menschliche, die Imperfektion. Perfektion kann jetzt wirklich jeder. Also – noch mehr Mut zur Imperfektion. Das heißt nicht, dass ich mir keine Mühe mehr geben muss, einen Song zu schreiben und einzuspielen – ganz im Gegenteil. Aber so klingen wie Coldplay oder eine fette L.A.-Produktion? (…) Damit kann man keinen mehr beeindrucken.“
„The Sound My Mind Makes“ ist nicht nur in punkto Kompositionen, Arrangements, Produktion ein sehr eigenständiges, sehr ambitioniertes „Opus magnum“, sondern auch in den Lyrics. „Love Is A Kind Of Poison“ fällt ein wenig aus dem Rahmen neben all den durchaus dunklen Gedanken des Dirk Darmstaedter („Ash & Gold“, „What Was Lost In The Fire“). Dies sei „so ziemlich der einzige Song auf dem Album, wo es um Beziehungen geht, denke ich. Liebe als das, was uns festhält, runterzieht – und trotzdem weitermachen lässt. Romantik mit offenen Augen, sozusagen.“
Dirk Darmstaedters Liebeserklärung ans Songschreiben
Das neue Darmstaedter-Album folgt auf diverse liebevolle Cover-Projekte („Covers Six“ ist gerade auf Bandcamp erschienen) und die Konzert-Comeback-Platte „Live At Rockpalast 2022“ von The Jeremy Days. Dieser Musiker war und ist auch im reiferen Singer-Songwriter-Alter so fleißig und wuselig unterwegs, dass man glatt den Überblick verlieren könnte. Und das dürfte auch so bleiben: „Außer meiner Familie und meiner Gesundheit sind das die Sachen, die am meisten zählen.“
Es sei „wirklich schwer, anderen zu erklären, was die Musik mir bedeutet, mir immer wieder gegeben hat – und warum es einfach unmöglich für mich ist, damit aufzuhören“, sagt Darmstaedter im S&B-Interview. „Von daher ist diese Platte natürlich auch eine Liebeserklärung an den Prozess des Songschreibens, an den Kampf mit den Instrumenten und der Technik, um das Ganze dann so festhalten zu können, wie ich es in meinem Kopf höre.“ The sound Dirks mind makes eben. „Es ist wahrscheinlich die stärkste Ansammlung von Songs, die ich seit Jahren aufgenommen habe. Zumindest fühlt es sich für mich so an“, bilanziert er. Ja, Dirk Darmstaedter darf seine typische norddeutsche Bescheidenheit angesichts dieser superben Platte mal kurz beiseite schieben.
Das Album „The Sound My Mind Makes“ von Dirk Darmstaedter ist am 06.03.2026 auf Vinyl und CD bei Beg Steal & Borrow und via Bandcamp erschienen.
auch toll… Rezi in bedroomdisco.de




Hi Dirk, freut mich, völlig berechtigt! Und was Ki angeht und The Perfection of Beeing Imperfect hier eine Geschichte einer Berliner Lesebühnenautorin - Susanne M. Riedel, die zu kennen sich soowieso lohnt - verwandte´m Inhalt udn verwandter Seele: https://www.regenrausch.de/ki-or-not-ki/#more-1380 Enjoy! Und: Danke. Für alles!